Es gibt diesen einen Moment, den vermutlich jeder kennt, der eine Sprache wirklich benutzt und nicht nur lernt. Du stehst an der Kasse, du hast das ganze Gespräch verstanden, du hast sogar selbst etwas Nettes gesagt. Dann kommt der Preis, und dein Kopf ist leer.
Bei mir war das Französisch. Ich lese französische Verträge, ich telefoniere auf Französisch, ich verstehe Filme ohne Untertitel. Und trotzdem: Sobald jemand quatre-vingt-dix-sept euros quarante sagt, und zwar in der Geschwindigkeit, in der Franzosen das eben sagen, muss ich rechnen statt zu hören. In der Zeit ist das Gespräch schon zwei Sätze weiter.
Das ist keine Wissenslücke. Ich kann französische Zahlen. Ich könnte sie dir aufschreiben, ich könnte sie dir erklären. Ich kann sie nur nicht schnell genug hören.
Zahlen sind eine eigene Fertigkeit, und fast keine App behandelt sie so
Zahlen werden im Kopf anders verarbeitet als Wörter, und sie zu kennen reicht eben nicht. Man muss lernen, sie mit dem Ohr zu erkennen.
Man muss das nicht als Neurowissenschaft nehmen, um zu merken, dass etwas dran ist. Bei einem Wort greift der Kontext. Wenn du in einer Bäckerei baguette hörst, hättest du es auch halb verstanden erraten. Eine Zahl hat keinen Kontext. Soixante und soixante-dix fangen identisch an, und welche der beiden gemeint war, weißt du erst zwei Silben später. Es gibt nichts zu erraten. Entweder du hast sie, oder du hast sie nicht.
Französisch ist dafür der Härtefall. Siebzig ist soixante-dix, also sechzig-zehn. Achtzig ist quatre-vingts, also vier mal zwanzig. Siebenundneunzig ist quatre-vingt-dix-sept, vier mal zwanzig plus zehn plus sieben, und du hörst die entscheidende Information erst am Ende. Dazu kommen Liaison, verschluckte Endkonsonanten und die Tatsache, dass Telefonnummern in Zweierpaaren gesprochen werden. Wer in Belgien oder der Schweiz gelernt hat, wo septante und nonante gelten, steht in Paris erst recht neu da.
Bevor man sich über das Französische lustig macht: Das Deutsche ist für jeden, der es lernt, genau derselbe Fall. Siebenundneunzig kommt hinten zuerst. Wer 97 notieren will, hört erst die Sieben, muss warten und am Ende beides umdrehen. Man merkt es nur nicht, solange es die eigene Sprache ist.
Und was machen die großen Sprach-Apps damit? Sie bringen dir die Zahlwörter in Lektion drei bei, mit Schriftbild, in Ruhe, einzeln. Danach kommen sie nie wieder vor. Das ist kein böser Wille, sondern eine ganz normale Folge davon, wie Kurse aufgebaut sind: Zahlen gelten als Anfängerstoff, also werden sie beim Anfänger abgehakt. Dass die eigentliche Schwierigkeit erst Jahre später auftaucht, nämlich bei Tempo und Ohr, passt in keine Lektionsstruktur.
Was Numfred tatsächlich macht
Numfred ist eine iOS-App von Frank Benkelmann, seit März 2025 im App Store, und sie tut genau eine Sache: Du hörst eine Zahl, du tippst sie ein. Mehr nicht.
Das klingt banal und ist der ganze Grund, warum es funktioniert. Es gibt drei Stufen, und der Aufbau ist klug gemacht. Auf der ersten Stufe siehst du Ziffern und Zahlwörter mit, das Ohr bekommt also Stützräder. Auf der zweiten verschwinden die Ziffern. Auf der dritten hörst du nur noch. Zwischen diesen Stufen liegt genau der Sprung, den ein Kurs nie mit dir übt.
Dazu kommen zwei Modi. Listen & Type heißt hören und tippen und ist in der kostenlosen Version dabei. Type & Listen dreht die Richtung um, gehört zu Premium und ist für alle da, die Zahlen nicht nur verstehen, sondern selbst flüssig sagen wollen. Die Zahlenbereiche kannst du eingrenzen, und das ist der wichtigste Regler der App: Wenn dich Preise umhauen, übe zweistellige Beträge mit Nachkommastellen, nicht Millionen.
Die Gratisversion deckt einige Grundbereiche bis 29 sowie die Zehner bis 50 ab. Premium geht bis 999.999, bringt einstellbares Sprechtempo, Tausendertrennzeichen, Zifferngruppierung und Family Sharing. Premium kostet einmalig 9,99 Euro. Kein Abo, keine Werbung, kein Konto, kein Tracking, und die App läuft offline.
Mein eigener Test: Französisch, zehn Minuten am Tag
Ich habe Numfred auf Französisch benutzt, mit Premium, in kurzen Einheiten. Zehn Minuten, meistens beim Kaffee.
Zwei Dinge sind mir aufgefallen.
Erstens: Die dritte Stufe ist unangenehm, und genau deshalb bringt sie etwas. Solange die Ziffern mitlaufen, fühlt man sich gut und lernt wenig. Sobald sie weg sind, merkst du sofort, wo dein Ohr aussteigt. Bei mir war das reproduzierbar der Bereich zwischen 70 und 99, also exakt dort, wo Französisch strukturell fies ist.
Zweitens: Der Tempo-Regler ist der eigentliche Trainer. Zahlen in Ruhe zu verstehen kann fast jeder ab B1. Der Alltag spricht aber nicht in Ruhe. Ich habe das Tempo Stück für Stück hochgezogen, und was danach passiert ist, war der interessante Teil: Angesagte Gleisnummern und Preise an der Kasse fühlten sich plötzlich langsam an. Nicht, weil die Welt langsamer geworden wäre, sondern weil ich in einer schnelleren Umgebung geübt hatte.
Es ist keine App, die dein Französisch verändert. Es ist eine App, die eine ganz bestimmte, klar umrissene Schwäche wegräumt, und zwar erstaunlich schnell, weil die Schwäche eben klein und mechanisch ist.
Deshalb passt es so gut neben einen Vokabeltrainer
Ich baue mit Vokabulo eine App für Leute, die eine Sprache schon können und trotzdem einfacher klingen, als sie denken. Der Weg dorthin führt über Wortschatz: über Präzision, über Natürlichkeit, über Bandbreite. Zahlen gehören da nicht hinein, weil sie kein Wortschatzproblem sind. Ein Zahlwort hat keine Nuance und keinen Tonfall. Es hat nur Tempo.
Numfred trainiert die eine mechanische Fertigkeit, die kein Vokabeltrainer sinnvoll abdecken kann. Der Vokabeltrainer kümmert sich um alles, was Bedeutung hat. Wer beides parallel laufen lässt, schließt eine Lücke, von der die meisten Lernenden gar nicht wissen, dass sie sie haben, weil sie sie für Nervosität halten.
Der ehrlichste Test ist der hier: Lasse dir eine französische Zahl zwischen 70 und 99 sagen, in normalem Sprechtempo, ohne Vorwarnung. Wenn du rechnen musst, ist das kein Sprachniveau-Problem. Es ist ein Trainingsproblem, und es ist eines der wenigen, die man in ein paar Wochen wirklich löst.
Wie französische Zahlen tatsächlich klingen
Der eigentliche Gegner ist nicht das Rechnen, sondern die Aussprache: Dieselbe Zahl klingt anders, je nachdem was hinter ihr steht. Six allein endet auf einem gezischten s. Vor einem Konsonanten fällt dieses s weg, six personnes kommt als „si personnes“ an. Vor einem Vokal wird es zu z, six euros verschmilzt zu „sizöro“. Dix macht genau dasselbe, huit verliert vor Konsonant sein t, cinq sein auslautendes k, und neuf wird in neuf heures zu neuve.
Dazu kommt das t von vingt: allein stumm, von vingt-deux bis vingt-neuf hörbar. Und weil eine französische Zahl direkt in das folgende Wort übergeht, gibt es zwischen der Zahl und dem, was sie zählt, keine Pause, an der dein Ohr sich festhalten könnte.
Die Telefonnummer ist der härteste Fall überhaupt, weil beide Schwierigkeiten zusammenkommen. 06 12 34 56 78 hörst du nicht als zehn einzelne Ziffern, sondern als zéro six, douze, trente-quatre, cinquante-six, soixante-dix-huit. Du bekommst also fünf Zahlen gesagt und musst zehn Ziffern notieren, und ganz am Ende wartet mit soixante-dix-huit ausgerechnet noch eine der Konstruktionen, die im Kopf am längsten brauchen. Sobald du das einmal gezielt geübt hast, verliert das Telefonieren auf Französisch einen erstaunlich großen Teil seines Schreckens.
Fazit
Numfred kostet in der Vollversion einmalig weniger als ein Monat der meisten Sprach-Abos, macht dafür genau eine Sache und macht sie richtig. Ich empfehle es ohne Einschränkung allen, die in ihrer Zweitsprache alles verstehen außer den Zahlen. Die App ist außerdem wunderschön gemacht. Man sieht, dass da jemand mit Gestaltungshintergrund am Werk war.
Die App findest du auf numfred.com und im App Store.