- Ja, die Maschine hat schon einen Teil der Arbeit übernommen
- Fließend hätte dich die Schule sowieso nie gemacht
- KI macht das Üben leichter, und genau das kann das Problem sein
- Die Übersetzung liefert die Wörter, der Mensch bleibt auf der Strecke
- Verstanden werden ist etwas anderes, als in der eigenen Sprache angesprochen zu werden
- Sprachen verschwinden leise
- 2050 spricht man eine Sprache freiwillig, und das sagt mehr
- Wo Vokabulo ins Spiel kommt
- Quellen
Stelle dir eine Straße in Tokio vor. Du sprichst kein Wort Japanisch. Eine Frau fragt dich nach dem Weg, und du verstehst sie trotzdem: Die Ohrhörer, die du ohnehin besitzt, übersetzen sie einen Augenblick später ins Deutsche. Du antwortest, und dein Handy spricht für dich.
Das ist keine Science-Fiction mehr. Das ist eine Funktion, die du heute einschalten kannst. Perfekt ist sie nicht. Aber sie ist gut genug, dass eine Frage, vor der sich Sprachlehrkräfte seit Jahren fürchten, plötzlich völlig vernünftig klingt: Wozu soll man eigentlich noch sechs Jahre Französisch lernen?
Die Frage verdient eine ehrliche Antwort. Und die ehrliche Antwort lautet nicht: „Es bleibt alles beim Alten.“
Ja, die Maschine hat schon einen Teil der Arbeit übernommen
Man könnte die Frage einfach wegwischen. Die Zahlen lassen das nicht zu.
Forscher in Oxford haben Hunderte Regionen in den USA untersucht. Wo sich maschinelle Übersetzung schneller durchsetzte, wuchs die Zahl der Jobs für Übersetzer langsamer. Dasselbe galt für Stellenanzeigen, die Spanisch, Chinesisch oder Deutsch verlangten. Noch ist der Effekt moderat. Die Forscher gehen davon aus, dass er wachsen wird.
Einer der Gründe, eine Sprache zu lernen, schrumpft also, und zwar der rein praktische: im Alltag seine Sachen zu erledigen. Essen bestellen, einen Brief vom Finanzamt lesen, die Mail eines Lieferanten beantworten. Das meiste davon kann dir eine Maschine schon heute abnehmen.
Wer dir etwas anderes erzählt, will dir etwas verkaufen. Spannender ist die Frage, was übrig bleibt, wenn dieser Teil wegfällt.
Fließend hätte dich die Schule sowieso nie gemacht
Bevor wir dem alten Sprachenlernen nachtrauern, lohnt ein ehrlicher Blick darauf, wie gut es funktioniert hat. Nicht besonders.
Die Sprachschule der US-Diplomaten schätzt, dass jemand mit Englisch als Muttersprache 600 bis 750 Stunden Vollzeitunterricht braucht, um Spanisch oder Französisch auf beruflichem Niveau zu sprechen. Für Japanisch, Arabisch oder Chinesisch sind es rund 2.200 Stunden. Eine Schullaufbahn bietet bestenfalls ein paar Hundert Stunden, geteilt mit dreißig anderen.
Irland zeigt, was passiert, wenn die Schule eine Sprache allein tragen soll. Irisch ist seit etwa hundert Jahren Pflichtfach. Bei der letzten Volkszählung gaben rund 1,9 Millionen Menschen an, Irisch sprechen zu können. Jeden Tag außerhalb der Schule sprechen es aber nur etwa 72.000.
Die meisten, die an Sprachen „gescheitert“ sind, hatten nie eine echte Chance. Ihnen fehlten schlicht die Stunden. Warum sich der Sprachunterricht an Schulen in hundert Jahren kaum verändert hat, steht in einem eigenen Artikel.
Die Maschine ersetzt also kein System, das funktioniert hat. Sie ersetzt eines, das den meisten ein paar Floskeln hinterlassen hat, dazu die stille Überzeugung, einfach kein Talent für Sprachen zu haben.
KI macht das Üben leichter, und genau das kann das Problem sein
Wenn KI übersetzen kann, kann sie doch sicher auch unterrichten? Teilweise. Aber ein Experiment sollte alle nachdenklich machen.
An einer weiterführenden Schule in der Türkei übten rund tausend Schüler Mathe mithilfe eines Chatbots. Wer ihn frei nutzen durfte, löste deutlich mehr Übungsaufgaben als die Mitschüler. Dann kam ein Test ohne Chatbot. Die Gruppe schnitt schlechter ab als die Schüler, die ihn nie benutzt hatten.
Eine zweite Gruppe bekam eine vorsichtigere Version, die nur Hinweise gab. Auch sie war beim Üben viel besser. Im Test schnitt sie nicht besser ab als alle anderen.
Die Lehre lässt sich direkt auf Sprachen übertragen. Gelernt wird im Moment der Anstrengung: in der Pause, bevor dir das Wort einfällt, in dem Satz, den du selbst bauen musst. Ein Werkzeug, das diese Anstrengung wegnimmt, macht das Üben bequem und lässt wenig zurück. Die Mühe war kein Konstruktionsfehler beim Lernen. Sie war das Lernen.
Nützlich ist KI dort, wo sie dir Arbeit abnimmt, aus der du nichts lernst: etwa bei der Entscheidung, welches Wort heute dran ist, oder bei der Suche nach einem Beispielsatz. Riskant wird sie, wenn sie den Teil übernimmt, der schwer bleiben sollte.
Die Übersetzung liefert die Wörter, der Mensch bleibt auf der Strecke
Das verrät dir der Ohrhörer nicht: Eine Übersetzung bringt die Grundbotschaft rüber und verliert fast alles drumherum.
Witze überleben selten. Wortspiele fast nie. Viele Sprachen kennen mehrere Formen der Anrede, je nachdem, wie nah man jemandem steht, so wie das Deutsche „du“ und „Sie“. Maschinen greifen dabei regelmäßig daneben. Ironie, Wärme, Zögern, das höfliche Nein, das wirklich Nein heißt: All das wird plattgebügelt.
Jedes Mal entscheidet ein System für dich, wie förmlich du bist, ob du scherzt und mit wem du eigentlich redest. Das ist nicht nur Übersetzung. Da redigiert jemand anderes, was du sagst.
Dazu gibt es ein berühmtes Zitat, das meist Nelson Mandela zugeschrieben wird: „Wenn du mit einem Menschen in einer Sprache sprichst, die er versteht, erreichst du seinen Kopf. Wenn du mit ihm in seiner Sprache sprichst, erreichst du sein Herz.“
Mandela hat das nie geschrieben. Der Satz tauchte zuerst 1996 im Vorwort eines amerikanischen Buchs auf. Tatsächlich sagte er um 1992 in einem Gespräch etwas Genaueres. Sinngemäß übersetzt: Wenn du Englisch sprichst, verstehen dich viele, auch die Afrikaaner, „aber wenn du Afrikaans sprichst, gehst du ihnen direkt ins Herz“.
Die echte Fassung ist die spannendere. Afrikaans war die Sprache des Regimes, das ihn eingesperrt hatte. Mandela lernte sie mit Absicht, um die Menschen auf der anderen Seite des Tisches zu verstehen. Eine Sprache war für ihn nicht nur eine Frage der Wärme. Es ging ums Verstehen, und es ging um Macht.
Verstanden werden ist etwas anderes, als in der eigenen Sprache angesprochen zu werden
Falls das zu romantisch klingt, hier eine harte Zahl.
In Ontario, Kanada, haben Forscher fast 190.000 ältere Menschen begleitet, die ins Krankenhaus kamen. Bei den Patienten, deren Muttersprache weder Englisch noch Französisch war, war das Risiko, im Krankenhaus zu sterben, ungefähr halb so hoch, wenn der behandelnde Arzt ihre Sprache sprach.
Niemand unterstellt den anderen Ärzten, dass ihnen ihre Patienten egal waren. Aber wer in eigenen Worten genau beschreiben kann, wo es wehtut, und zwar jemandem, der jede Nuance versteht, ist ein anderer Patient.
2050 wird ziemlich sicher in jedem Sprechzimmer eine Übersetzungs-App bereitliegen. Die Frage ist, ob das jemals dasselbe sein wird.
Sprachen verschwinden leise
Hinter all dem steht eine größere Geschichte. Wenn alle mit einer großen Sprache und einer Maschine durchkommen, haben immer weniger Menschen einen Grund, eine kleine Sprache am Leben zu halten.
Eine Studie zu mehr als 6.500 Sprachen kam zu dem Ergebnis, dass über ein Drittel davon schon heute bedroht ist. Ohne gezielte Anstrengung könnten bis zum Ende dieses Jahrhunderts mindestens 1.500 verstummen. Ein Befund überraschte die Forscher: Mehr Schuljahre gingen mit stärkerer Bedrohung einher. Womöglich, weil Kinder in einer dominanten Sprache unterrichtet werden und die Sprache, mit der sie zu Hause aufgewachsen sind, irgendwann nicht mehr benutzen.
Das heißt aber auch: Die Schule ist ein Hebel. Wenn Unterricht eine Sprache verdrängen kann, kann er auch helfen, eine zu erhalten.
2050 spricht man eine Sprache freiwillig, und das sagt mehr
Wie sieht Sprachenlernen also 2050 aus? Vermutlich beides zugleich.
Alltagskommunikation wird fast nichts mehr kosten. Speisekarten, Formulare, Wegbeschreibungen, der erste Entwurf eines Vertrags in einer anderen Sprache: Das erledigen Maschinen, erst für die großen Sprachen, dann für den Rest. Niemand wird mehr Italienisch lernen müssen, nur um in Rom einen Kaffee zu bestellen.
Eine Sprache wirklich zu sprechen, wird mehr wert sein. Wenn Übersetzung der Normalfall ist, wird es zum Signal, die Sprache des anderen zu sprechen. Es sagt: Ich habe mir die Mühe gemacht, ich will dich richtig verstehen, nicht nur ungefähr. Und Signale sind umso mehr wert, je seltener sie sind.
Denke an die Ärztin, die deine Sprache spricht. An den Unterhändler, der über den Witz lacht, bevor der Ohrhörer ihn übersetzt hat. An die Kollegin, die versteht, was ungesagt blieb, weil man es in dieser Sprache eben immer ungesagt lässt.
Es gibt auch ein Risiko. Die englischsprachige Welt könnte ganz aufhören, Sprachen zu lernen, weil die Maschine das für sie erledigt, während alle anderen weiter die Arbeit machen, ihr entgegenzukommen. Das wäre kein technisches Ergebnis. Es wäre eine Entscheidung, getroffen durch Nichtstun.
Bleibt eine Frage, die du dir selbst stellen solltest. Wenn dich niemand zwingen würde, wenn weder eine Prüfung noch ein Job es verlangte: Welche Sprache würdest du trotzdem sprechen wollen? Und was möchtest du in ihr sagen können?
Wo Vokabulo ins Spiel kommt
Das meiste, worum es in diesem Artikel geht, ist viel größer als jede App. Keine App bringt der Schule mehr Stunden, rettet bedrohte Sprachen oder ersetzt ein Jahr im Ausland.
Was Vokabulo tut, ist kleiner: Es sammelt die Wörter, die zu deinem eigenen Leben gehören, aus deinem Job, deinen Gesprächen und der Serie, die du gerade schaust, zusammen mit dem Satz, in dem du sie gefunden hast. Und es holt sie im richtigen Moment wieder hervor, damit sie bei dir bleiben. Das ist der Teil des Sprechens, den dir kein Übersetzungs-Ohrhörer abnehmen kann. Der Einstieg in Vokabulo ist kostenlos.
Mehr zum Stundenproblem: Warum so viele mit Sprach-Apps scheitern. Was die Niveaustufen bedeuten: Von A1 bis C2. Und zum Neuanfang Jahrzehnte später: Sprachen lernen im Alter.
Quellen
- Frey, C. B., & Llanos-Paredes, P. (2025). Lost in translation: Artificial intelligence and the demand for foreign language skills. Oxford Martin School. oxfordmartin.ox.ac.uk
- US Department of State, Foreign Service Institute. Foreign language training: language learning time estimates. state.gov
- Central Statistics Office Ireland (2023). Census 2022, Profile 8: The Irish language and education. cso.ie
- Bastani, H., Bastani, O., Sungu, A., Ge, H., Kabakcı, Ö., & Mariman, R. (2024). Generative AI can harm learning. Working paper. papers.ssrn.com
- de Galbert, P. (n.d.). On the Mandela quote about language and the heart. Harvard University. scholar.harvard.edu
- Seale, E., Reaume, M., Batista, R., et al. (2022). Patient–physician language concordance and quality and safety outcomes among frail home care recipients admitted to hospital in Ontario, Canada. CMAJ, 194(26), E899-E908. cmaj.ca
- Bromham, L., Dinnage, R., Skirgård, H., et al. (2022). Global predictors of language endangerment and the future of linguistic diversity. Nature Ecology & Evolution, 6, 163-173. nature.com