Die meisten Anleitungen zum österreichischen Deutsch handeln vom Akzent, und das ist die unbrauchbarste Hälfte.
Die brauchbare Hälfte lautet: Eine ganze Menge ganz gewöhnlicher Wörter ist schlicht anders, besonders rund ums Essen, und Österreich nimmt das ernst genug, um es ins Völkerrecht verhandelt zu haben.
Das ist die einsprachige Fassung: Jeder Begriff wird auf Deutsch erklärt, ohne Übersetzung – gedacht für Deutschlernende ab etwa B1. Wenn Deutsch deine Muttersprache ist, findest du denselben Artikel als Sprachpaar auf Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch.
Die dreiundzwanzig Wörter im Vertrag
Als Österreich 1995 der EU beitrat, enthielt der Beitrittsvertrag das Protokoll Nr. 10. Es führt dreiundzwanzig österreichische Bezeichnungen für Lebensmittel auf und stellt sie ihren bundesdeutschen Entsprechungen rechtlich gleich. Eine Regelung dieser Art gibt es sonst nirgends. Ein Land hat einen völkerrechtlichen Vertrag benutzt, um sein Wort für die Kartoffel zu schützen.
der Erdapfel – die Kartoffel. Wörtlich der Apfel aus der Erde, nach demselben Bauplan wie das französische pomme de terre.
der Paradeiser – die Tomate. Aus Paradiesapfel. Im Supermarkt siehst du beide Wörter, auf einem Wiener Markt nur eines.
die Marille – die Aprikose. Die Marillen aus der Wachau sind ein geschütztes Herkunftsprodukt und so etwas wie eine nationale Angelegenheit.
der Karfiol – der Blumenkohl. Aus dem italienischen cavolfiore.
die Fisolen – die grünen Bohnen, die man mit der Hülse isst.
die Melanzani – die Aubergine, wieder aus dem Italienischen.
das Faschierte – das Hackfleisch, also durch den Wolf gedrehtes Fleisch.
der Topfen – der Quark, der weiße Frischkäse aus Milch. Der Topfenstrudel ist der Grund, warum dieses Wort zählt.
das Obers – die Sahne. Schlagobers ist die geschlagene Variante, die auf dem Kuchen landet.
der Kren – der Meerrettich, die scharfe weiße Wurzel zum Rindfleisch.
Dass in dieser Liste italienische Wörter stehen, ist kein Zufall. Sie kamen über die lange habsburgische Verflechtung mit Oberitalien, und die erklärt auch den Kaffee.
Die Dinge des Alltags
das Sackerl – die Tüte, der Beutel an der Kasse. Du brauchst das Wort in jedem Geschäft des Landes.
die Jause – die kalte Zwischenmahlzeit, das österreichische Gegenstück zur bayerischen Brotzeit aus dem Münchner Artikel und zu den Wörtern im Artikel über die Mahlzeiten.
das Beisl – die kleine, unaufwendige Wirtschaft, in der es auch etwas zu essen gibt. Aus dem Jiddischen, und eines der Wörter, die dir etwas über die Geschichte Wiens erzählen.
der Greißler – der kleine Lebensmittelladen an der Ecke. Als Geschäftsform weitgehend verschwunden, als Wort quicklebendig.
die Palatschinke – der dünne Eierkuchen, gefüllt und aufgerollt. Aus dem ungarischen palacsinta, das aus dem Rumänischen kommt, das aus dem Lateinischen kommt. Vier Reiche in einer Nachspeise.
Das Problem mit den Monaten
der Jänner – der erste Monat des Jahres. Keine Dialektform, nichts Umgangssprachliches. Es ist das übliche österreichische Wort, gedruckt in Zeitungen und geschrieben in Verträgen. Januar versteht man überall und ordnet dich sofort als Deutschen ein.
der Feber – der zweite Monat. Weniger durchgängig als Jänner, im Amtsgebrauch weiterhin lebendig und zunehmend von Februar verdrängt.
Kaffee, der ein eigenes Vokabular verlangt
Im Wiener Kaffeehaus einen Kaffee zu bestellen ist nicht direkt falsch. Es ist nur keine Antwort auf die Frage.
die Melange – Espresso mit heißer Milch und Milchschaum, die Wiener Grundeinstellung und das, was einem Cappuccino am nächsten kommt.
der Verlängerte – ein Espresso, der mit heißem Wasser gestreckt wird. Kein Americano, und man wird dir gerne erklären, warum.
der kleine Braune – ein kleiner schwarzer Kaffee mit etwas Obers dazu. Ein großer Brauner ist die doppelte Menge.
der Einspänner – ein starker schwarzer Kaffee im Glas unter einer üppigen Haube Schlagobers, benannt nach der einspännigen Kutsche, deren Fahrer eine Hand frei brauchte.
Das eine grammatische Erkennungszeichen
es geht sich aus – es reicht, es passt zeitlich oder räumlich gerade noch. Geht sich das noch aus? wird ständig gefragt, und im bundesdeutschen Deutsch braucht man dafür einen ganzen Nebensatz.
Wenn du dir statt eines österreichischen Substantivs eine einzige Wendung merkst, dann diese. Nichts lässt eine Zugezogene in Wien schneller angekommen wirken.
Die Grußformeln stehen woanders
Servus, Grüß Gott, Habedere und Baba sind genauso österreichisch wie bayerisch, und sie stehen im Artikel über die Grußformeln nach Regionen.
So lernst du einen Lebensmittelwortschatz
Fotografiere das Schild und speichere das Wort. Lebensmittel sind die eine Kategorie, in der die Welt sich freundlicherweise selbst beschriftet. Ein Marktstand in Wien ist eine Vokabelliste mit Preisen dran, und in Vokabulo wird daraus eine Szene. Ein kostenloses Konto enthält drei Szenen.
Gib der Übersetzen-Funktion die ganze Aufschrift. Faschiertes vom Rind sagt als Wendung mehr als Faschiertes allein.
Und dann lass die Level laufen. Dreiundzwanzig Vertragswörter plus ein Dutzend andere sind zwei Wochen Arbeit und ein dauerhaftes Ergebnis.
Kurz gesagt
Lerne Erdapfel, Paradeiser, Marille, Topfen und Sackerl vor dem ersten Einkauf. Lerne Melange und Verlängerter vor dem ersten Kaffeehaus. Schreibe Jänner.
Und lerne es geht sich aus, weil du es ungefähr sechsmal am Tag brauchst und weil das Deutsche daneben ziemlich umständlich dasteht.
Auf einer Wiener Karte ein Wort gesehen, das dein Deutsch nicht abgedeckt hat? Speichere es in Vokabulo zusammen mit dem Gericht. Kostenlos starten auf iPhone & iPad. 🇦🇹