Zwei Dinge machen die fachärztliche Versorgung in Deutschland für Zugezogene unübersichtlich: ein Wort mit zwei Bedeutungen, die nichts miteinander zu tun haben, und eine Warteschlange, die in Wahrheit aus zweien besteht.

In dieser Fassung wird jeder Begriff nur auf Deutsch erklärt, ohne Übersetzung – gedacht für alle, die ab etwa B1 Deutsch lernen. Mit Übersetzungen findest du denselben Artikel auf Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch.

Ein Wort, zwei Bedeutungen

die Überweisung – in der Medizin die Weiterleitung von einer Ärztin zu einer anderen. Deine Hausarztpraxis hält schriftlich fest, dass dich eine Fachpraxis untersuchen soll, und du nimmst das Papier mit.

Bei der Bank heißt dasselbe Wort, dass Geld von einem Konto auf ein anderes geht, und in dieser Bedeutung lernen es die meisten zuerst kennen, etwa mit dem Bankvokabular. Die beiden Bedeutungen haben nichts miteinander zu tun, und aus dem Zusammenhang ist immer klar, welche gemeint ist. Trotzdem bringt dich die Frage am Empfang, ob du eine Überweisung hast, beim ersten Mal leicht aus dem Konzept.

der Überweisungsschein – das Papier selbst, ein kleiner Vordruck mit Kästchen. Wer am Empfang nach der Überweisung fragt, meint genau diesen Zettel.

Eine Warteschlange, die in Wahrheit zwei sind

Daher kommen die langen Wartezeiten.

die gesetzliche Krankenversicherung / GKV – das Versicherungssystem, in dem die große Mehrheit der Menschen in Deutschland versichert ist. Die Beiträge richten sich nach dem Einkommen, die Leistungen sind weitgehend einheitlich geregelt.

die private Krankenversicherung / PKV – das zweite System, offen vor allem für Selbstständige, Beamtinnen und Beamte sowie Angestellte oberhalb einer Einkommensgrenze. Ärztinnen und Ärzte rechnen hier anders ab, und viele Praxen führen ein eigenes Terminbuch.

der Kassenpatient / die Kassenpatientin – wer gesetzlich versichert ist. Kasse steht hier für die Krankenkasse, nicht für die Kasse im Supermarkt.

der Privatpatient / die Privatpatientin – wer privat versichert ist.

Deshalb kann dieselbe Praxis privat Versicherten einen Termin in der nächsten Woche anbieten und gesetzlich Versicherten einen im April. Das ist weder Bestechlichkeit noch ein Geheimnis, sondern eine Folge davon, wie abgerechnet wird. Wenn du das weißt, glaubst du auch nicht mehr, dass man dich am Empfang einfach abwimmeln will.

Der Dienst, den kaum jemand nutzt

die Terminservicestelle – die Stelle, die dir einen Facharzttermin vermittelt. Du erreichst sie unter 116117 (gesprochen eins-eins-sechs, eins-eins-sieben), also unter derselben Nummer wie den Bereitschaftsdienst aus dem Artikel über Notrufnummern, und über die Website der 116117.

Trägt deine Überweisung einen Dringlichkeitscode, muss die Terminservicestelle dir innerhalb von vier Wochen einen Facharzttermin anbieten. Die Ärztin oder den Arzt kannst du dir dann nicht aussuchen, und der Weg ist vielleicht weiter als sonst, aber du bekommst einen Termin. Hat keine Praxis etwas frei, wird dir stattdessen ein ambulanter Termin in einem Krankenhaus angeboten.

der Dringlichkeitscode – ein zwölfstelliger Code, den die überweisende Praxis auf die Überweisung druckt. Danach musst du fragen. Ohne diesen Code vermittelt dir die Terminservicestelle keinen Termin innerhalb der vier Wochen. Frage also in der Hausarztpraxis: Können Sie mir einen Dringlichkeitscode geben? Ausnahmen sind Augen- und Frauenarztpraxen: Hier vermittelt die Terminservicestelle auch ganz ohne Überweisung.

Die meisten Zugezogenen und ziemlich viele Deutsche haben von diesem Dienst noch nie gehört. Von allem in diesem Artikel verkürzt er deine Wartezeit am ehesten.

Was sonst noch hilft, das Wichtigste zuerst

Frage nach der Warteliste. Können Sie mich auf die Warteliste für kurzfristige Termine setzen? Termine werden ständig abgesagt, und kaum jemand fragt danach.

Rufe zur richtigen Zeit an. Viele Praxen geben neue Termine immer am selben Tag zur selben Uhrzeit frei. Auf die Frage Wann vergeben Sie neue Termine? bekommst du am Empfang bereitwillig eine Antwort, nur stellt sie fast niemand.

Suche auch weiter weg. Eine Praxis zwei Orte weiter hat manchmal Wochen oder sogar Monate früher etwas frei als eine in deiner Gegend.

Sag, was wirklich los ist. Deutsche Praxen reagieren auf Konkretes. Die Beschwerden werden schlimmer bringt dich weiter als die bloße Bitte um einen früheren Termin.

Der Rest des Vokabulars

der Hausarzt / die Hausärztin – die Ärztin oder der Arzt für die allgemeinmedizinische Versorgung und für fast alles die erste Anlaufstelle. Eine förmliche Einschreibung wie in manchen anderen Ländern gibt es nicht, aber es lohnt sich sehr, in einer Praxis schon bekannt zu sein, bevor du sie brauchst.

der Facharzt / die Fachärztin – eine Ärztin oder ein Arzt mit abgeschlossener Weiterbildung in einem bestimmten Gebiet. Häufige Fachrichtungen: der Orthopäde für Knochen und Gelenke, der Hautarzt für die Haut, der Kardiologe für das Herz, der Neurologe für das Nervensystem, die Frauenärztin für die Gynäkologie und der HNO-Arzt für Hals, Nase und Ohren.

die Praxis – die Räume, in denen niedergelassene Ärztinnen und Ärzte arbeiten. Eine Praxis ist keine Klinik und kein Krankenhaus.

die Sprechstunde – die Zeiten, zu denen eine Praxis Patienten behandelt. die offene Sprechstunde – ein Zeitfenster, in dem du ohne Termin kommen kannst. Praxen mehrerer Fachrichtungen, darunter Augenheilkunde, HNO, Hautheilkunde, Gynäkologie und Orthopädie, müssen davon mindestens fünf Stunden pro Woche anbieten, und deshalb ist sie nützlicher, als die meisten denken.

der Termin – die verabredete Uhrzeit. die Terminvereinbarung – das Ausmachen eines Termins, meist am Telefon und zunehmend online. Man sagt: einen Termin vereinbaren oder einfacher einen Termin ausmachen.

die Chipkarte / die Versichertenkarte – die Karte deiner Krankenkasse, die bei jedem Besuch eingelesen wird.

die Praxisgebühr – eine Gebühr pro Quartal, die Anfang 2013 abgeschafft wurde. Das Wort hörst du noch gelegentlich, die Gebühr selbst gibt es nicht mehr.

das Rezept – die ärztliche Verordnung für ein Medikament, die du in der Apotheke einlöst. Das Apothekenvokabular steht in einem eigenen Artikel.

die Krankschreibung – die Bescheinigung, dass du krankheitsbedingt nicht arbeiten kannst. Auch dazu gibt es einen eigenen Artikel.

In dieser Reihenfolge gehst du vor

Suche dir eine Hausarztpraxis, solange es dir gut geht. Diesen Schritt lassen viele aus und bereuen es später.

Brauchst du eine Fachärztin oder einen Facharzt, bitte dort um eine Überweisung und, wenn es eilt, um einen Dringlichkeitscode.

Rufe die Praxis an, zu der du willst. Ist der angebotene Termin erst in einigen Monaten, frage nach der Warteliste und danach, wann neue Termine vergeben werden.

Ist es dringend und die Wartezeit trotzdem lang, rufe die 116117 an und nutze die Terminservicestelle.

Eine Änderung solltest du im Blick behalten: Die Bundesregierung bereitet eine Reform vor, nach der die Hausarztpraxis vor den meisten Fachärzten die erste Anlaufstelle werden soll. Vieles daran ist noch nicht entschieden, und solange kein Gesetz beschlossen ist, gelten die Regeln oben weiter.

Wie du das Vokabular behältst

Speichere die Bedeutung zusammen mit dem Wort. Terminservicestelle ist als bloßes Substantiv schwer zu behalten. Als die Stelle, die mir einen Termin besorgen muss, wenn meine Überweisung einen Dringlichkeitscode trägt vergisst du es kaum.

Gib den ganzen Überweisungsschein in die Übersetzen-Funktion. Er besteht aus Abkürzungen und Kästchen, und der Diagnoseschlüssel darauf, ein ICD-10-Code, verrät dir, was deine Ärztin vermutet.

Dann sorgt die verteilte Wiederholung dafür, dass die Wörter bleiben. Diese dreißig Wörter begegnen dir, solange du in Deutschland lebst, und es lohnt sich, sie richtig zu lernen, statt sie jedes Mal nachzuschlagen.

Kurz gesagt

Suche dir eine Hausarztpraxis, bevor du sie brauchst. Bitte um eine Überweisung und einen Dringlichkeitscode. Frage nach der Warteliste, denn fast niemand tut es.

Und wenn dich am Empfang jemand nach einer Überweisung fragt, geht es nicht um dein Konto.


Einen Überweisungsschein in der Hand, aus dem du nicht schlau wirst? Dann gib ihn in die Übersetzen-Funktion ein. Der Einstieg in Vokabulo ist kostenlos, auf iPhone, iPad und im Browser. 🩺