Berliner Sprache ist leichter zu lernen als jede andere Spielart des Deutschen in dieser Reihe, denn sie ist eigentlich kein eigener Wortschatz. Sie ist Standarddeutsch mit etwa sechs regelmäßigen Lautverschiebungen und einer Haltung.
Die Lautverschiebungen kosten dich einen Nachmittag. Die Haltung dauert länger und zählt mehr.
Das ist die einsprachige Fassung: Jeder Begriff wird auf Deutsch erklärt, ohne Übersetzung – gedacht für Deutschlernende ab etwa B1. Wenn Deutsch deine Muttersprache ist, findest du denselben Artikel als Sprachpaar auf Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch.
Die sechs Verschiebungen
ick – so klingt hier das Wort ich. Das auffälligste Merkmal überhaupt. Die betonte Form lautet icke, wie im hiesigen Spruch icke, dette, kieke mal.
wat – so klingt das Wort was. Kein Verfall, sondern ein Überbleibsel aus dem Niederdeutschen, und das gilt für fast alles auf dieser Liste.
det / dette – so klingt das Wort das.
jut – so klingt gut. Berlin macht aus dem anlautenden g mit großer Verlässlichkeit ein j: janz für ganz, jehen für gehen, Jeld für Geld.
ooch – so klingt auch. Nach demselben Muster wird keine zu keene und eine zu eene.
nich – so klingt nicht, ohne das t am Ende.
Setze das zusammen, und aus Das ist mir ganz egal wird Dit is ma janz ejal. Geschrieben sieht das undurchdringlich aus und ist vollkommen durchsichtig, sobald du die Regeln kennst.
Dazu kommt eine berühmte Verwechslung der Fälle, bei der Dativ und Akkusativ die Plätze tauschen: hab ick dir jesehen, wo die Standardsprache dich verlangt. Die Berlinerinnen und Berliner wissen das genau und machen es mit Absicht.
Die Wörter, die wirklich andere sind
die Schrippe – das Brötchen, das kleine Weißbrot vom Bäcker. Berlins eigenes Wort, gegen das Brötchen des Nordens und die Semmel des Südens. Das nützlichste Wort hier, weil du jeden Morgen eines willst.
die Stulle – die belegte Scheibe Brot, das mitgenommene Butterbrot. Das Wort riecht nach Brotdose und Baustelle, und das durchaus liebevoll.
die Bulette – der flache gebratene Hackfleischkloß. Aus dem französischen boulette, mitgebracht von den Hugenotten, die sich im siebzehnten Jahrhundert in Berlin niederließen und erstaunlich viel Wortschatz dagelassen haben.
die Molle – ein Glas Bier, meist ein einfaches vom Fass.
der Kiez – das Viertel, und zwar im engen Sinn: die paar Straßen, in denen du tatsächlich lebst. Das Wort hat sich weit über Berlin hinaus verbreitet und hat hier angefangen.
der Späti – der Laden an der Ecke, der abends und sonntags offen hat. Eine Einrichtung, die die Stadt wirklich erfunden hat, und eines der wenigen Berliner Wörter, die in den letzten zwanzig Jahren bundesweit bekannt wurden.
Die Lage beim Gebäck
Das ist die Stelle, an der es jeden erwischt.
der Pfannkuchen – in Berlin das runde, in Fett gebackene und mit Marmelade gefüllte Gebäck. Überall sonst im Land heißt genau dieses Ding Berliner, was man hier aus naheliegenden Gründen komisch findet.
der Eierkuchen – in Berlin der flache Teigfladen aus der Pfanne. Also das, was überall sonst Pfannkuchen heißt.
Wer in Berlin einen Pfannkuchen bestellt und einen Fladen erwartet, bekommt Marmelade, und die Verwirrung läuft das ganze Jahr über in beide Richtungen durchs Land.
Die Haltung, um die es eigentlich geht
die Berliner Schnauze – der hiesige Umgangston: direkt, schnell, spöttisch und nicht feindselig. Ein Busfahrer, eine Marktfrau oder jemand hinter der Bäckertheke sagt dir womöglich etwas, das in München einen Streit auslösen würde, und meint es als Spiel.
Die Regel dazu lautet: Es geht in beide Richtungen. Die Schnauze baut keine Rangordnung auf, sie erwartet eine Antwort. Wer sie als Unhöflichkeit liest und still wird, hat den Vorgang missverstanden. Wer zurückgibt, ist danach meist begeistert, was passiert.
Na? – der vollständige Berliner Gruß, behandelt im Artikel über die Grußformeln und der reinste Ausdruck desselben Prinzips. Zwei Buchstaben, und sie wollen etwas zurück.
Warum sich zwei Wochen lohnen
Weil in Berlin ein sehr großer Teil derer landet, die Deutsch lernen. Und weil es die Spielart des Deutschen ist, die dir am ehesten in Musik, Fernsehen und Komik begegnet, der du folgen willst.
Und weil es wirklich einfach ist. Im Vergleich zum Schweizerdeutschen oder zum Bayerischen ist Berlinerisch ein Satz Regeln und kein eigenes Lexikon. Lerne die Regeln, und der Rest entschlüsselt sich von selbst.
So nimmst du es auf
Schreibe den Satz auf, nicht die Lautverschiebung. Dass ick für ich steht, ist trivial. Dit is ma janz ejal, gesagt vom Mann im Späti, als ich mich fürs Kleingeld entschuldigt habe bringt dir den Tonfall gleich mit. Genau so sehen Szenen in Vokabulo aus, und ein kostenloses Konto enthält drei Szenen.
Gib der Übersetzen-Funktion die ganze Zeile. Geschriebenes Berlinerisch erledigt jede Einzelwortsuche und lässt sich aus einem Satz mühelos zurückrechnen.
Und dann lass die Wiederholung die Verschiebungen einbauen. Sechs Regeln, ständig angewendet, und dein Ohr erledigt den Rest binnen zwei Wochen.
Kurz gesagt
Lerne die Regel vom g zum j und dazu ick, wat, det, jut, ooch und nich. Lerne Schrippe vor dem ersten Frühstück und Späti vor dem ersten Sonntag.
Und wenn jemand hinter einem Tresen kurz angebunden ist: Antworte. Genau dafür ist der Austausch da.
In Berlin etwas gehört, das wie Deutsch mit vertauschten Buchstaben aussah? Tippe die Zeile in Vokabulo. Kostenlos starten auf iPhone & iPad. 🐻